Echtes Teamspiel fällt nicht von den Bäumen
Der Wert eines Produkts entsteht dort, wo Menschen gemeinsam Probleme verstehen, Lösungen entwickeln und etwas schaffen, das anderen hilft.
Und doch investieren Organisationen enorm viel Energie in das Drumherum: Management, Steuergremien, Zuständigkeiten, Berichte und Abstimmungen. All das kann sinnvoll sein. Aber wie viel Aufmerksamkeit bekommt das Zusammenspiel der Menschen, die das Produkt tatsächlich entwickeln?
Hier scheint oft eine erstaunliche Annahme zu gelten: Man bringt fachlich kompetente Menschen zusammen – und erwartet, dass sie als Team funktionieren.
Doch warum sollten sie das automatisch können?
Man stelle sich eine Fußballmannschaft aus starken Einzelkönnern vor. Alle beherrschen den Ball. Alle kennen die Regeln. Alle wissen, wo das gegnerische Tor steht.
Was sie noch nicht wissen: Wie spielen wir miteinander? Wer bietet sich wann an? Wer sichert ab? Wie reagieren wir, wenn jemand einen Fehler macht? Und was tun wir, wenn unser Plan nicht aufgeht?
Individuelle Klasse ist wertvoll. Aber sie ersetzt kein abgestimmtes Zusammenspiel.
Als Fußballtrainer von Kindern und Jugendlichen erlebe ich das immer wieder: Wenn die Spieler anfangen, einander zu verstehen, sich zu unterstützen und gemeinsam zu handeln, verändert sich das Spiel.
Dann entstehen Möglichkeiten, die vorher nicht da waren. Spieler trauen sich mehr zu. Sie übernehmen Verantwortung. Sie erleben, dass ihr Beitrag zählt und dass sie sich auf andere verlassen können.
Das kann auch die Freude am Spiel und die Bereitschaft stärken, weiter zu lernen.
Deshalb trainieren wir Zusammenspiel. In jedem Training. In jedem Spiel. Über die gesamte Saison hinweg.
Wir üben, beobachten, geben Rückmeldung und probieren erneut. Manche Abläufe brauchen Wiederholung. Andere müssen wir verändern, weil sie zu dieser Mannschaft noch nicht passen.
Warum behandeln wir Zusammenarbeit in der Produktentwicklung so häufig als etwas, das nebenbei entstehen soll?
Natürlich gibt es Retrospektiven, Workshops und Teamentwicklung. Trotzdem erlebe ich, dass zwischen dem Gespräch über bessere Zusammenarbeit und dem tatsächlichen Einüben neuer Verhaltensweisen eine Lücke bleibt.
Ein Team kann erkennen, dass es Wissen zu spät teilt. Dass Diskussionen von wenigen Personen dominiert werden. Oder dass alle beschäftigt sind, aber kaum jemand gemeinsam an einem Problem arbeitet.
Diese Erkenntnis ist ein Anfang. Sie verändert noch keine Gewohnheit.
Dafür braucht es konkrete Schritte: Was wollen wir anders machen? In welcher Situation üben wir das? Wer unterstützt uns dabei? Und woran erkennen wir, ob es hilft?
Scrum Teams haben mit dem Scrum Master eine Person, die ihre Entwicklung und Wirksamkeit unterstützen soll. Doch die Rollenbezeichnung allein garantiert noch nicht, dass Zusammenarbeit gezielt trainiert wird.
Im Alltag wird der Scrum Master mitunter zum Organisator, Terminmoderator oder Helfer für liegen gebliebene Aufgaben. Unter ständigem Lieferdruck gerät die Entwicklung des Teams dann schnell in den Hintergrund.
Was fehlt, ist häufig eine bewusst ausgeübte Funktion:
Der Teamtrainer.
Damit meine ich jemanden, der Zusammenarbeit beobachtet, gemeinsam mit dem Team Lernziele entwickelt und passende Übungen und Experimente ermöglicht. Jemanden, der Rückmeldung gibt und dabei hilft, neue Verhaltensweisen im Arbeitsalltag zu festigen.
Diese Funktion kann ein Scrum Master übernehmen. Sie kann auch durch eine andere Person unterstützt werden. Entscheidend ist, dass jemand die Fähigkeiten, die Zeit und den Auftrag dafür hat.
Dabei geht es nicht darum, dem Team von außen vorzuschreiben, wie es arbeiten muss. Ein guter Teamtrainer hilft ihm, das eigene Zusammenspiel bewusster zu gestalten und zunehmend selbst weiterzuentwickeln.
Es gibt keinen universellen Trainingsplan.
Ein Team muss lernen, Konflikte konstruktiv auszutragen. Ein anderes braucht bessere gemeinsame Entscheidungen. Ein drittes muss Wissen teilen, gegenseitige Unterstützung aufbauen oder seine Arbeit stärker auf ein gemeinsames Ziel ausrichten.
Deshalb beginnt gutes Teamtraining mit Beobachtung und Verständnis – und führt zu kleinen, überprüfbaren Experimenten im Arbeitsalltag.
Genau hier setzt meine Idee einer Teamtrainer-Ausbildung an:
Menschen dazu befähigen, Zusammenarbeit gezielt zu entwickeln. Durch fundiertes Wissen, praktische Übungen, begleitete Anwendung und die Reflexion dessen, was tatsächlich hilft.
Denn wenn wir leistungsfähige Teams wollen, müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, Teamarbeit zu lernen.